Künstlerinterviews

RAY 2015 - IMAGINE REALITY Interview mit Klaus Elle

„In der Serie „Erleuchtungen“ bin ich der Gestalter, der Laborant und das untersuchende Objekt – wie in einer Trinität alles in allem.“ (Klaus Elle)

Im Rahmen der Fototriennale RAY Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain interviewen wir Künstler, die in der Hauptausstellung IMAGINE REALITY zu sehen sind. Der Künstler Klaus Elle fotografiert prägnante Orte, um Bilder zu schaffen, die übernatürlich wirken können. Im Interview spricht er über seine Serie „Erleuchtungen“ (1986-1999), die derzeit im MMK 1 zu sehen ist, sowie über sein Buchprojekt „Ich war Sigi“ (2012), das erstmals im Fotografie Forum Frankfurt ausgestellt wird


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Klaus Elle im MMK 1 zur Eröffnung der RAY Fotografieprojekte

RAY:

Welche Bedeutung hat Zeit in Ihrer künstlerischen Arbeit?

KE:

Über den Begriff der Zeit haben sich schon Quantenphysiker und Philosophen die Köpfe zerbrochen. Doch unabhängig von unterschiedlichsten Theorien kann man sagen, dass gerade im künstlerischen Prozess das Gefühl für Zeit verschwindet und man in einem Kontinuum des „Jetzt“ lebt. Dieser künstlerische Raum im „Jetzt“ kommt in meinen Arbeiten zum Ausdruck.

In der Serie „Erleuchtungen“ befasse ich mich allerdings mit der Vergangenheit. Mein Ziel ist es, ein magisches Bild zu erzeugen und durch das Medium „Licht“ verblasste Erinnerungen aufzugreifen.

RAY:

In der von Ihnen angesprochenen Serie führen Raum und die ihm innewohnende Dunkelheit zu geheimnisvollen bzw. magischen Verbindungen zwischen Raum und Zeit. Wie haben Sie die verlassenen Räumlichkeiten ausgewählt, die auf Ihren Fotografien zu sehen sind?

KE:

Es werden Räume dargestellt, die aus meiner Sicht eine Faszination besitzen; sie sind alt, verbraucht und bewahren Lebensspuren. Zum Beispiel gibt es einen Raum, in dem ein Ehepaar 20 bis 30 Jahre gelebt hat; das sich dort angeschrien, geliebt und alles miteinander geteilt hat. Plötzlich ist dieser Raum leer und nur noch in den Tapeten lebt die Aura der Vergangenheit weiter.

RAY:

Inwieweit kennen Sie die Geschichten dieser Räume?

KE:

Grundsätzlich sind mir diese nicht im Einzelnen bekannt. Vielmehr geht es um meine Visionen und Ideen in Bezug darauf, was an den verlassenen Orten geschehen sein könnte. Kleine Details, wie Tapetenfetzen, Teppichreste, kleine Elemente der Fensterbank, inspirieren mich.

RAY:

Das Spiel mit Licht und die Irritation durch Lichtspiele sind wesentliche Elemente in Ihrer Arbeit. Welche Bedeutung haben die erscheinenden, von ihnen inszenierten Lichtwesen?

KE:

In meiner Arbeit habe ich bestehende „Systeme“ durch Abdunkelung zur Ruhe gebracht. Das Beleuchten einzelner Regionen führt dazu, dass auf symbolischer Ebene verlorene Erinnerungen hervorgehoben werden. Unterbewusstsein und Vergessenheit werden thematisiert.

Die einzelnen Lichtfiguren entstehen durch die Beleuchtung einzelner Elemente. Zum Beispiel wird bei der Arbeit mit den einzelnen Händen eine Hand mit einem Lichtstrahler angeleuchtet, dann wird die Hand an einer anderen Position beleuchtet und so geht es in Verbindung mit einer langen Belichtungszeit der Kamera weiter, bis dieses Motiv entsteht. In diesem Moment bin ich der Regisseur des Lichts und bestimme, was sichtbar wird. Sie müssen sich das so vorstellen: In der Serie „Erleuchtungen“ bin ich der Gestalter, der Laborant und das untersuchende Objekt – wie in einer Trinität alles in allem.

RAY:

Wie werden durch Verfremdung oder Auflösung von Alltagswirklichkeit neue Perspektiven auf unsere Alltagswirklichkeit offen gelegt?

KE:

Dies ist eher ein theoretischer Ansatz. In Verbindung mit dem Medium „Fotografie“ besteht traditionellerweise ein klassisches Assoziationsmuster von Wahrheit bzw. von naturgetreuer Abbildung.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob sich nicht der Raum in der Zeit der eigenen Anwesenheit verändert. Dies ist wiederum kein theoretischer Ansatz, sondern eher ein mystisches Spiel mit Zeit und Raum. Zum Beispiel sieht man bei dem Werk, in dem ein Fuß durch die Wand geht, ein Muster, das für kurze Zeit Stabilität aufweist.
Die Kamera hilft uns Zeit-Raum-Verhältnisse wahrzunehmen. In meinen Arbeiten passiert viel und man weiß nicht, ob es real ist oder nicht. Der Raum ist scharf abgebildet, die Lichtelemente verzerrt. Man weiß, dass dort ein Fuß auf einer Leiter zu sehen ist, doch wirkt dieser nicht real. Es ist ein visuelles mystisches Spiel.


RAY:

In Verbindung mit dem Titel der Ausstellung „Imagine Reality“ kann man sagen, dass diese Arbeit eine „erdachte“, „imaginierte“ Wirklichkeit darstellt ? Was bedeutet es für Sie, eine Realität zu imaginieren?

KE:

Es gibt bestimmte Anknüpfungspunkte, zum Beispiel deutliche Charakteristika eines Raumes, hinzu kommen lediglich einzelne ausgeleuchtete Körperteile. Trotzdem passiert etwas, das wir auf der Basis der Logik des Alltags nicht begreifen können. Das macht den Irritationsaspekt aus.

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Klaus Elle, Aus der Serie “Erleuchtungen”, 1986-1999 © Klaus Elle
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Klaus Elle, aus dem Buchprojekt „Ich war Sigi. Totenmonolog. Aufgezeichnet von Klaus Elle”, 2012 © Klaus Elle

RAY:

Können sie mir etwas über die Entstehung des Buchprojektes „Ich war Sigi“ sagen?

KE:

Sigi ist mein vor einigen Jahren verstorbener Schwiegervater, mit dem ich ein sehr spezielles Verhältnis hatte. Ich hatte nicht sehr viel Kontakt zu ihm, doch nachdem er gestorben war, habe ich seine Tagebücher gefunden, die er als Rentner geschrieben hat. Diese waren sehr faszinierend für mich, weil diese ein Aufnahmeprotokoll mit klaren Fakten seines Tagesablaufes darstellen; vollkommen nüchtern und emotionslos. Es ist eine Beschreibung eines Menschen, der durch den Krieg seelische Deformationen erlitten sowie sein Leben in einem bestimmten Schema geordnet hat.

Zudem habe ich alte Fotos von ihm gefunden, die einen brutalen Realismus darstellen. Aber ich habe auch selbst Fotos von seinem Haus und von ihm auf dem Sterbebett gemacht. So habe ich daraus eine Rekonstruktion eines Lebens von einem Menschen mit dem ich, wenn er nicht in der Familie wäre, nie etwas zu tun gehabt hätte, erarbeitet.

Daraus ist ein längeres Projekt entstanden. Ich habe einen Text über sein Leben geschrieben, so als wäre ich er und dann ein Buch verfasst. Auch von seiner Frau habe ich ein solches erstellt: „Ich war Gisela“. Es war die Möglichkeit, sich mit einem Menschen auseinanderzusetzen, der ganz anders ist als ich selbst.

RAY:

Zeit stellt auch hier einen wesentlichen Aspekt dar. Wie verbinden Sie in dieser Arbeit zeitliche Ebenen?

KE:

Biografien verbinden grundsätzlich viele Zeitebenen, da Erinnerungen in sich zeitlich verschränkt sind.

Ich verknüpfe das Medium „Fotografie“ mit Texten, um die Realität der Abbildung deutlich zu machen. Im Grunde sehe ich nur den Vordergrund eines Bildes und kann den Hintergrund nur erahnen. Es gibt so schöne Formulierungen von Quantenphysikern, die sagen, dass wir gelernt haben, die Bilder nur noch von vorne anzuschauen, wie ein Netzwerk aus visuellen Knoten, aber gerade heute sollten wir die Bilder abnehmen und von hinten betrachten. Was sind die ursprünglichen Vernetzungen dieser Bildwelten? Wen sehe ich? Wie ist dieser Mensch so geworden, wie er ist? Welche Motivation hat er? Kunst ist ein interessantes Annäherungselement, diese Facetten aufzuzeigen.

RAY:

Soll die Serie noch erweitert werden?

KE:

Von meiner Mutter „Inge“ habe ich auch ein Buch erstellt und später wird es auch eins von meinem Vater geben. Alle verbindet die Nachkriegszeit, alle haben sie eine extreme seelische Deformation durch den Krieg erlitten. Es gibt kulturgenetische Übertragungsmomente, die hier zum Ausdruck kommen. Die Kunst ist eine Möglichkeit, dies zu untersuchen und von allen Seiten zu beleuchten.

© RAY Fotografieprojekte, MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main www.mmk-notes.com

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Klaus Elle, “Ich war Sigi”, 2015. Ausstellungsansicht/Exhibition view IMAGINE REALITY Fotografie Forum Frankurt. Foto: Albrecht Haag © Klaus Elle, RAY 2015 Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain