Ausstellung

Contemporary Muslim Fashions

5. April - 15. September 2019

Die Ausstellung im Detail

Gleich zu Beginn der Ausstellung taucht man anhand einer großen Auswahl an Ensembles in die Welt der Modest Fashion ein. Die Kombination aus stilvollen Entwürfen und unterschiedlichen Graden von Bedeckung hat in den letzten Jahren in der westlichen Modewelt eindrückliche Spuren hinterlassen. Auf dem Markt für Modest Fashion treffen heute sowohl aufstrebende als auch etablierte muslimische und nichtmuslimische Modedesigner*innen auf international agierende westliche Mode-Unternehmen, die die Größe des Marktes für sich erkannt haben und entsprechende Modest Fashion-Kollektionen produzieren.

Die Fotografien von Künstler*innen wie Alessia Gammarota, Rania Matar und Tanya Habjouqa zeigen den hohen Grad an Vielfalt der Kopfbedeckungen (und deren Fehlen) in verschiedenen Regionen, bei Generationen und Individuen. Kritisch beleuchtet wird die Thematik durch Fotografien von Hengameh Golestan von 1979. Hier dokumentierte sie die Demonstrationen von Frauen gegen die gesetzlichen Veränderungen, die im Zusammenhang mit der Ausrufung der islamischen Republik in Kraft getreten waren. Die Bilder, die an diese Proteste erinnern, haben in letzter Zeit im Zusammenhang mit den neuerlichen Protesten gegen die Verschleierungspflicht im Iran erneut an Bedeutung gewonnen. So sieht man neben Golestans Fotografien ein Twitter-Video von Vida Movahedi, die gegen die verpflichtende Kleiderordnung im Iran protestiert.

© Habjouqa, Tanya
Céline Semaan - Slowfactory Banned, 2017
© Slowfactory, photo by Driely Carter

Der regionale Fokus der Ausstellung liegt bei muslimisch-geprägten Ländern: Zunächst blickt die Ausstellung dabei auf den Nahen und Mittleren Osten und präsentiert hier Arbeiten von Designer*innen wie Faiza Bouguessa, Mashael Alrajhi und Wadha Al Hajri, die regionale Kleidung als Grundlage für ihre eigenen Designs nehmen.

Eine Auswahl von Kleidungsstücken von Muslim*innen, die heute in den Vereinigten Staaten und im Vereinigten Königreich leben, wie z.B. Céline Semaan Vernon von Slow Factory aus Brooklyn und Saiqa Majeed von Saiqa London, zeigt, wie Migration und Verlagerung auch soziale und religiöse Praktiken und Kleiderordnungen prägen. So hat Slow Factory kürzlich eine Partnerschaft mit der American Civil Liberties Union (ACLU) geschlossen, um eine Sammlung als direkte Reaktion auf das “muslimische Verbot” von Präsident Trump zu erstellen.

Um die Entwicklung der muslimischen Konsumkultur zu erforschen, präsentiert ein weiterer Teil der Ausstellung erschwinglichen Luxus, schnelle Mode und Sportbekleidung, die eine Modest-Fashion-Kundschaft ansprechen, darunter Designs von Sarah Elenany und Barjis Chohan, sowie Nikes Pro Hijab und ein Burkini von Shereen Sabet.

Weiter erkundet Contemporary Muslim Fashions die reichen Textil- und Kostümtraditionen Indonesiens, einem Land mit einer der größten muslimischen Bevölkerungen weltweit. Designer*innen wie Itang Yunasz, Khanaan Luqman Shamlan und NurZahra verarbeiten in ihren modischen Designs luxuriöse Stoffe in leuchtenden Farben und komplexen Mustern. Mit Labels wie z.B. Blancheur werden ähnliche Trends im benachbarten Malaysia vorgestellt, wo Social-Media-Plattformen und Onlineshops einen schnell-wachsenden Markt für Schönheit, Technologie, Lebensmittel und Mode im Rahmen des Halal bedienen. Hier werden auch führende Designer*innen wie Melinda Looi, Bernard Chandran und FIZIWOOO vorgestellt.

IBTIHAJ MUHAMMAD für NIKE PRO HIJAB, 2017
© Nike, Inc.
Wesaam Al-Badry - Chanel #VII, 2018
© Al-Badry, Wesaam

Durch die Ausstellung hinweg ist eine Auswahl von Werken von Künstler*innen verteilt, wie u. a. Wesaam Al-Badry und Shirin Neshat, die sich kritisch mit Bekleidungsvorschriften, patriarchalen Strukturen, Fremdbestimmung und -zuschreibungen auseinandersetzen. Auf den drei Fotografien der Serie Al-Kouture (2017) von Wesaam Al-Badry (geb. 1984) sieht man Frauen, die einen Nikab (Gesichtsschleier) tragen, die jeweils aus Seidentüchern der ikonischen Highendmarken Chanel, Valentino und Gucci gefertigt sind. Für den im Irak geborenen Künstler, der in den 1990er Jahren in den mittleren Westen der USA umsiedelte, offenbart die Serie ein Spannungsverhältnis zwischen okzidentaler und Arabisch-islamischer Ideologie, das durch die westliche Konsumkultur geprägt wird und Einfluss auf die traditionelle muslimische Kultur nimmt. Die Dissonanz zwischen seinen Erfahrungen im Mittleren Osten und denen in der Mitte Amerikas lotet Al-Badry mithilfe seiner Arbeiten aus, indem er gängige Vorstellungen von Identität, Krieg und Islamfeindlichkeit thematisiert.

Die Arbeit Turbulent (1998) ist wiederum Teil einer Video-Trilogie der iranischen Künstlerin Shirin Neshat, in der sie die Spannungen zwischen weiblicher und männlicher Erfahrung sowie zwischen individueller Identität und Gruppenidentität nachspürt. Die Künstlerin arbeitete mit iranischen Künstler*innen und Musiker*innen im Exil zusammen. Während der Sänger Shoja Azari vor einem großen Publikum ein Lied über Erotik und geistliche Sehnsucht darbietet, steht die Sängerin Sussan Deyhim in einem schwarzen Tschador gekleidet in einem leeren Theatersaal und singt mit heiserer Stimme eine eigens komponierte Melodie, die ohne Worte auskommt. Damit verweist die Künstlerin nicht zuletzt auf ein im Zuge der islamischen Revolution im Iran im Jahr 1979 verhängtes Verbot, nach dem Frauen nicht mehr in der Öffentlichkeit singen durften.

Datin Haslinda Abdul Rahim für Blancheur, 2017
© Blancheur
Raşit Bağzıbağlı für Modanisa, 2018_2
© Modanisa

Der letzte Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit Highend-Fashion, die an die unterschiedlichen Bedürfnisse muslimischer Frauen angepasst wurden. Seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sind wohlhabende muslimische Kunden wichtige Gönner der Pariser Couture-Häuser. Getreu dem Geist der Couture, zeigt diese Branche seit langem die Bereitschaft, ihre Kreationen an die Bedürfnisse von Kunden anzupassen, die sich weniger körperbetont kleiden wollen. Heute setzt sich diese Tradition unter den westlichen Modedesigner*innen fort, die spezielle Kollektionen für Ramadan und Eid anbieten. Hierzu zählen z.B. Oscar de la Renta, sowie internationalen Marken, die Modest Capsule Collections wie z.B. The Modist anbieten.

Als erstes Museum in Europa und als einzige Station in Deutschland, hat das Team des Museum Angewandte Kunst eine Erweiterung der Ausstellung entwickelt, die sich explizit mit dem Phänomen aktueller muslimischer Mode im deutschsprachigen Raum beschäftigt. Zu sehen sind Ensembles der Designer*innen Naomi Afia (Wien), Feyza Baycelebi (Berlin/Istanbul), Imen Bousnina (Wien) und Mizaan (Mannheim). Neben dem englisch-sprachigen Katalog, der auch im Museum Angewandte Kunst erhältlich sein wird, erscheint eine deutschsprachige Publikation mit Übersetzungen von ausgewählten Texten aus dem englischen Katalog sowie neuen Beiträgen, die das Thema der Ausstellung präziser auf den deutschsprachigen Kontext beziehen.

Die Ausstellung wird gefördert von der Ernst Max von Grunelius-Stiftung und dem Bankhaus Metzler sowie unterstützt von BONAVERI.


Designer*innen

Naomi Afia, Österreich
Nora Aldamer, Saudi Arabien
Wadha Al Hajri, Qatar
Mashael Alrajhi, Saudi Arabien
Mariam Al Remaihi, Qatar
Renni Andriani, Indonesien
Raşit Bağzıbağlı, Türkei
Alaa Balkhy, USA / Saudi Arabien
Feyza Baycelebi, Deutschland/Türkei
Faiza Bouguessa, Vereinigte Arabische Emirate
Imen Bousnina, Österreich
Bernard Chandran, Malaysia
Georgina Chapman für Marchesa, USA
Barjis Chohan, Großbritannien
Windri Widiesta Dhari, Indonesien
Sarah Elenany, Großbritannien
Jean Paul Gaultier, Frankreich
Bill Gaytten, Großbritannien für Christian Dior, Frankreich
Kuaybe Gider, Türkei
Izree Kai Haffiz, Malaysia
Anandia Marina Putri Harahap, Indonesien
Rani Hatta, Indonesien
Shakeel Karachi, Pakistan
Mary Katrantzou, Griechenland
Rebecca Kellett, Großbritannien
Nzinga Knight, USA
Melinda Looi, Malaysia
Mariam Bin Mahfouz, Saudi Arabien
Saiqa Majeed, Vereinigtes Königreich
Carmen W. Muhammad, USA
Naima Muhammad, USA
Sanaz Nataj, Iran
Mizaan, Deutschland
Nike, USA
Hanan Ozair, Vereinigte Arabische Emirate

Dian Pelangi, Indonesien
Pierpaolo Piccioli, Italien für Valentino, Italien
Peter Pilotto, Großbrittanien
Datin Haslinda Abdul Rahim, Malaysia
Maha Abdul Rasheed, Vereinigte Arabische Emirate
Oscar de la Renta, USA
Shereen Sabet, USA
Yves Saint Laurent, Frankreich
Khanaan Luqman Shamlan, Indonesien
Céline Semaan Vernon, USA
Zara Shiri, Iran
Fahad Signature, Qatar
Yasmin Sobeih, Großbritannien
Shirin Vaqar, Iran
Mohd Hafizi Radzi Woo, Malaysia
Itang Yunasz, Indonesien
Aheda Zanetti, Australien
Rabia Zargarpur, Vereinigte Arabische Emirate

Künstler*innen, Fotograf*innen und Influencer*innen

Ridwan Adhami, USA
Wesaam Al-Badry, USA
Boushra Almutawakel, Frankreich
Lalla Essaydi, USA
Shepard Fairey, USA
Alessia Gammarota, Großbritannien
Shadi Ghadirian, Iran
Tanya Habjouqa, Palästina
Hassan Hajjaj, Marokko
Mona Haydar, USA
Langston Hues, Indonesien
Viktoria Kämpfe, USA
Hoda Katebi, USA
Shirin Neshat, USA
Rania Matar, USA Tunde Olaniran, USA
Abbas Rattani, USA
Habib Yazdi, USA