Ausstellungen

Im Garten der Zufriedenheit Die Sammlung Chinesische Malerei im Museum Angewandte Kunst

23. März – 14. Juli 2024

Im Garten der Zufriedenheit

„Im Widerklang geistiger Energie“ möge „bewegtes Leben“ entstehen – qiyun shengdong 氣韻生動 – so formuliert der chinesische Gelehrte Xie He im 6. Jahrhundert die erste seiner „Sechs Regeln“, die Malerei zu erfüllen habe. Wo dieser „Reflex des Spirituellen“ fehle, brauche man ein Bild gar nicht länger betrachten. Die geistige Dynamik von Kunst, die hier beschworen wird, ist zweifellos ein zentraler Gedanke, der die chinesische Malerei über Jahrhunderte geprägt hat. Dynamisch, prozesshaft und außerordentlich komplex ist oftmals schon die Entstehung eines solchen Kunstwerks: ein Maler bringt in Gegenwart seiner Freund:innen mit Pinsel und Tusche eine Komposition, etwa eine Gebirgslandschaft mit Gelehrtenklause, in einem eher raschen Prozess zu Papier. Später formulieren der Maler selbst, seine Freund:innen, Sammler:innen und oder auch spätere Betrachter:innen des Bildes ihre Kommentare, entweder auf dem Bild selbst oder in Aufschriften, die sich beim Öffnen einer Querrolle an die eigentliche Komposition anschließen – das Kunstwerk wird so zum interaktiven Prozess, der sich sogar über Jahrhunderte hinziehen kann.

Andere Bilder sind in sich geschlossener, entstehen in wenigen Augenblicken, werden vielleicht nur mit einer Künstlersignatur und einem Siegel versehen – oder es wird auch auf diese verzichtet. Gleichwohl faszinieren diese Werke Betrachter:innen kaum weniger. Sie bestechen durch ihren unmittelbaren, emotionalen Ausdruck, eine spontane Geste, die auf ihre Weise die vibrierende geistige Energie spüren lässt, von der Xie He bereits vor eineinhalb Jahrtausenden sprach.

Die chinesische Malerei hat viele Gesichter: Landschaften, religiöse und mythologische Sujets, Genreszenen oder auch Porträts. Dabei wird seit langer Zeit unterschieden zwischen Auftragsarbeiten, die von Berufsmalern ausgeführt wurden und solchen, die von gebildeten „Amateuren“ geschaffen wurden und seit jeher weit höher geschätzt werden als die ersteren. Diese „Literatenmalerei“ hat viele Erscheinungsformen, zeichnet sich grundsätzlich jedoch durch eine bemerkenswerte Kontinuität und eine zurückhaltende, leise Sprache aus. Nicht selten wird auf Farbe völlig verzichtet, erscheint die Welt in ihnen allein in zarten Tuschespuren. Für Betrachter:innen bieten derartige Werke große Herausforderungen. Und so ist es kaum verwunderlich, dass, anders als z. B. das chinesische Porzellan, die Malerei aus dem Reich der Mitte erst sehr viel später und in weit geringerem Umfang den Weg in westliche Sammlungen gefunden hat.

Auch im Museum Angewandte Kunst, dessen umfangreiche Asiatische Sammlungen in ihren Anfängen auf das späte 19. Jahrhundert zurückgehen, blieb die chinesische Malerei lange ein Nischenthema. Doch immerhin rund sechzig teils hochbedeutende Werke sind heute Teil der Museumssammlung. Aufgrund ihrer Lichtempfindlichkeit werden sie nur selten und für begrenzte Zeit gezeigt. Diese wurden in einem mehrjährigen Forschungsprojekt ab 2020 wissenschaftlich aufgearbeitet. Anlässlich der Fertigstellung des Projekts wird die bislang weitgehend unbekannte Sammlung Chinesische Malerei im Museum Angewandte Kunst nun in einer Ausstellung präsentiert werden. Parallel dazu sind alle Werke mit genauen Beschreibungen, Umschriften und Übersetzungen aller Aufschriften im neuen Online-Katalog der Sammlungsbestände des Museum Angewandte Kunst der Öffentlichkeit zugänglich. So wird die leise und vielschichtige Sprache dieser Kunstwerke umfassend erfahrbar.

Der Zugang zur Sammlung digital ist unter folgendem Link möglich: https://sammlung-digital.museumangewandtekunst.de. (Dies ist eine Beta Version.)

Kurator: Dr. Stephan von der Schulenburg 

Wissenschaftlicher Katalog zur Ausstellung zum Download hier.
Zeitschrift zur Ausstellung zum Download hier.


Kalender

Veranstaltung des Kunstgewerbevereins

In seinen Asiatischen Sammlungen ist das Museum Angewandte Kunst eigentlich ein Universalmuseum, das neben klassischen Sammlungsschwerpunkten eines kunstgewerblichen Museums wie Keramik, Metall- oder Textilkunst auch herausragende Werke der Skulptur, Malerei und Druckkunst umfasst. Zu diesen gehören 53 Werke Chinesischer Malerei des 16. bis 20. Jahrhunderts, die im Vorfeld dieser Ausstellung umfassend wissenschaftlich aufgearbeitet wurden. Viele von ihnen werden hier erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Nach dem Vortrag in der Historischen Villa Metzler führt Dr. Stephan v. d. Schulenburg durch die Ausstellung.

Voranmeldung erforderlich: info@kgv-frankfurt.de

Hop-in Workshops zu Kalligrafie und Gelli-Printing.

Ohne Anmeldung. Im Eintrittspreis inbegriffen. 30 Minuten Taktung.

Der seit 1988 in Paris lebende Yang Jiechang ist einer der bekanntesten chinesischen Gegenwartskünstler. Aus Foshan in der Provinz Guangdong stammend erfuhr Yang von Jugend auf eine klassische Ausbildung in Malerei und Kalligraphie. Seine Kunst, mit der er weltweit Beachtung erfuhr, bewegt sich zwischen Malerei, Installation, Video, Performance und Skulptur. In seinem Vortrag spricht Yang über zeitgenössische Ausdrucksformen der Tuschmalerei. Yang betrachtet sich nicht als traditionellen chinesischen Künstler, vielmehr als zeitgenössischen, künstlerisch tätigen Gelehrten. Er betont nicht nur die Verwendung des Pinsels, sondern auch eine Art pragmatische Spiritualität, die im Hier und Jetzt verankert ist. Bereits 1993 war Yang Jiechang im Rahmen der Ausstellung Maos ungezähmte Kinder im Museum für Kunsthandwerk (heute Museum Angewandte Kunst) zu Gast gewesen.